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Ganzheitlichkeit der Sucht - Polytoxikomanie und Komorbiditäten

Mehrfachabhängigkeit und psychische Begleiterkrankungen

 

Eine Sucht steht selten für sich allein. Suchtselbsthilfegruppen, die sich bisher auf ein Grundsuchtmittel konzentriert haben, werden immer häufiger mit der Thematik der Mehrfachabhängigkeit konfrontiert. Der Konsum mehrerer Suchtmittel, die sog. Polytoxikomanie wird in Deutschland ein größer werdendes Problem.

Polyvalente Abhängigkeitskranke fühlen sich weder mit ihren persönlichen spezifischen Problemen der Sucht noch in ihrem Alter in den bestehenden Gruppen „abgeholt“ und vertreten. Sie bleiben schnell nach kurzem Reinschauen schon wieder weg. Ihre Abstinenz- und Genesungsabsichten sind aufgrund der individuellen Dynamik komplexer Genesungsverläufe selten konkret und nachvollziehbar.

 

Mischkonsum bei der heranwachsenden Generation

Besonders das Konsumverhalten der Jugendlichen und jungen Menschen lässt sich an einem Beispiel eines Party-Wochenendes verdeutlichen, erklärt der Chefarzt der Pirmasenser Regionalpsychiatrie Dr. Stephan Rambach. Es ist geprägt vom Ausprobieren bis hin zum exzessiven Konsum verschiedenster Suchtstoffe.

 

Zum lange „Durchhalten“ werden erst Amphetamine (Speed) verwendet, um wach und leistungsfähig zu bleiben.  Zum „Herunterfahren“ der danach folgenden Unruhe werden nun Tranquilizer zur Entspannung benötigt. Das bekannteste Mittel ist Valium (Wirkstoffgruppe: Benzodiazepine); aber zur Beruhigung kommt auch Canabis zum Einsatz.

 

Gefährlicher als eine „einfache“ Sucht?

Natürlich ist jede Sucht gefährlich. Aufgrund der diversen Wirkstoffe und Gifte, welche verschiedene Bewusstseinsbereiche erreichen und verändern, sind diese Behandlungen aber äußerst komplex in Therapie und Entzug.

 

Eine Alkoholproblematik entwickelt sich meist in der dritten und vierten Dekade des Lebens zur Sucht. Der Mischkonsum immer mehr junger Erwachsener verbaut ihnen bereits den Start und den Weg in ein freies und vor allem selbstbestimmtes Leben und führt häufig direkt in die Mehrfachabhängigkeit.

 

Psychische Begleiterkrankungen

Ein weiterer Punkt in der Nachsorgephase von abhängigkeitskranken Betroffenen (insbesondere bei den stoffbezogenen Süchten) ist die unzureichende Behandlung von Komorbiditäten. Zu den psychischen Begleiterkrankungen von Suchtpatienten zählen oft Depressionen, Angst- und Persönlichkeitsstörungen.

 

Eine effektive Suchtbehandlung begrenzt sich allerdings nicht nur auf die Beendigung der Substanzeinnahme. Zur Vermeidung des Rückfallrisikos gewährleistet eine psychosoziale Betreuung nachhaltiger die Erfolge der Entwöhnung und des Entzuges vom Suchtstoff. Da psychische Störungen in der Regel ja weiter fortbestehen, ist eine entsprechende begleitende Versorgung in der ambulanten Psychotherapie auch in der Nachsorgephase der Suchtbehandlung somit unerlässlich.

 

80% der Borderline Patienten haben eine komorbide Suchterkrankung

Eine Sucht - vor allem im jugendlichen Alter - ist ein Indikator zur Verfestigung einer Borderline- Persönlichkeits- Störung. Zu ihr gehören folgende Kriterien, die alle so thematisch auch in einer aktuellen Gruppe auftauchen könnten:

# affektive Instabilität

# Impulsivität

# stress-bedingtes paranoides Erleben und Dissoziationen

# chronisches Gefühl der Leere

# Identitätsstörung

# nicht alleine sein können

# instabile Beziehungen (Wechsel zwischen Abwertung und Idealisierung)

# Kontrollverlust bei Wut und Ärger

# Suizidalität und Selbstschädigungsabsichten.

 

Im Vergleich zu „reinen“ Alkoholikern sind diese Patienten häufig jünger, schwerer krank. Ihr Suchtkonsum ist gravierender und teilweise in Verbindung mit sozialen Konflikten und unangenehmen Affekten. Trotzdem sind gerade die einzelnen, individuellen Probleme in ihrer eigenen besonderen Intensität und Belastung für jeden Betroffenen maßgebend.  

 

Reinforcers und Ganzheitlichkeit der Sucht

Es ist Zeit, dass Psychologen/ Psychotherapeuten auf Suchterkrankungen ihrer Patienten achten und Suchttherapeuten nach komorbiden psychischen Begleiterkrankungen forschen und dann angemessene Behandlungskonzepte erstellen. Integrierte Therapiemodelle sind erfolgreicher, wenn sie mehrdimensionale Defizite von komorbiden (Sucht-) Patienten berücksichtigen, die Therapiebausteine aufeinander anpassen und die Ziele realistisch gestalten.

Persönliche Formulierungen von individuellen Zielen (reinforcer) und soziale Verstärker können die Bewältigung der Sucht und die Abstinenz lohnender charakterisieren.

Bausteine zum Erreichen dieser Ziele sind unter anderem: Kompetenzerweiterung, Fertigkeitentraining, Psychotherapie, Körpertherapie, Medikamente, skills, Begleitung durch eine „wissende Gemeinschaft“ und soziale Kontakte.

Ges: kh-pirmasens, Dr. St. Rambach; KiK, Mehrfachabhängigkeit; barmer –gek. Komorbidität                                                                                  KT 1/2012